Was ist eigentlich Muskelkater?
Wissenswertes zur Entstehung und Behandlung (nach D. Böning)


Ist das Laktat wirklich schuld?

Wenn jemand nach der Ursache des Muskelkaters fragt, erhält man meist spontan die Antwort: "Das kommt doch vom Laktat!" (welches indirekt bei andauernden, besonders hohen körperlichen Belastungen in großer Menge produziert wird). Diese weit verbreitete Meinung beruht auf einer vor vielen Jahrzehnten aufgestellten Spekulation, die grösstenteils widerlegt ist.

Eine völlig andere Ansicht ist, daß der Muskelkater durch kleine Zerreißungen im Gewebe entsteht. In den letzten Jahren haben elektronenmikroskopische Untersuchungen diese Vorstellung erhärtet.


Die Symptome des Muskelkaters

Wer hat es nicht schon an sich selbst erfahren! Das typische Kennzeichen des Muskelkaters ist, dass er nach einer ungewohnten Anstrengung mit einer Verzögerung von etwa einem Tag auftritt und dann bis zu einer Woche andauert. Die vom Muskelkater betroffenen Muskeln sind dann steif, hart und eigenartig kraftlos. Sie schmerzen bei Bewegungen, aber auch, wenn man auf sie drückt.


Warum bekommt man nach dem Bergablaufen Muskelkater?

Risschen entstehen am ehesten bei großen Kraftbelastungen, die das Muskelgewebe einer hohen Spannung aussetzen.

Die größten Kräfte und Spannungen entwickelt eine Muskelfaser (= Muskelzelle) nicht etwa, wenn sie sich verkürzt, sondern wenn sie durch übermächtige äußere Kräfte gedehnt wird. In diesem Augenblick wächst sie sozusagen über sich selbst hinaus. Diese so genannte "exzentrische Kontraktion" ist gar nichts Ungewöhnliches: Sie kommt beim Abbremsen von Bewegungen ständig vor. Beim Bergabgehen wird z.B. die Beschleunigung des Körpers durch die Schwerkraft ständig von Muskeln abgebremst, die der Dehnung durch aktive Kontraktion Widerstand leisten (z.B. beim Wandern). Das gleiche geschieht beim Landen nach einem Sprung.



Abb.1
Miniaturverletzung innerhalb der Muskelfaser als Muskelkaterursache. Längsschnitt durch eine Fibrille, auf der die, die Kontraktion durchführenden Eiweisse Aktin und Myosin in regelmäßig wiederkehrenden Gruppen angeordnet sind. Bei der Kontraktion ziehen die Myosine an den Aktinen. Die Aktine sind in den Z-Scheiben verankert, die bei Überlastung reißen können (rechte Bildseite).
Der elektronenmikroskopische Beweis für Miniaturverletzungen innerhalb der Muskelfaser ist auf der Abbildung 2 zu erkennen.
Obwohl schon lange der Zusammenhang zwischen hoher Spannungsbelastung und Muskelkater feststeht, erfolgte dieser doch erst in den letzten Jahren durch skandinavische Anatomen. Aus dem Oberschenkel von Versuchspersonen entnahmen sie Muskelproben unmittelbar und einige Tage nach stärkeren Bremsbewegungen mit nachfolgendem Muskelkater. Sie stellten Schäden an den so genannten Z-Scheiben innerhalb der Muskelfasern fest, die offensichtlich Zerreißungen waren. Hierzu muss man wissen, dass die der Kontraktion dienenden Eiweiße in regelmäßigen Gruppen auf fadenförmigen Strukturen in der Muskelzelle, so genannten Fibrillen, angeordnet sind (Abb. 1).

In den Z-Scheiben ist das Aktin verankert, ein Eiweiß, welches sich mit einem anderen, parallel angeordneten Eiweiß, dem Myosin bei der Muskelverkürzung verbindet. Bei den Untersuchungen war immer nur ein Teil der Z-Scheiben in bis zu 30% aller Fasern beschädigt; vollständige Faserrisse fehlten. Die Verletzungen heilten innerhalb von 6 Tagen fast vollständig ab.
 













Abb. 2

Muskelkater im elektronenmikroskopischen Bild. In der linken Faser sind die Sarkomere völlig intakt, rechts sind Z-Scheiben
(dicke schwarze Striche) z.T. zerstört

Warum fängt der Muskelkater erst nach einem Tag an ?

Natürlich stellt sich die Frage, warum im Augenblick der Verletzung kein Schmerz verspürt wird. Der Grund ist einfach: die Schmerznervenendigungen liegen ausserhalb der Muskelfasern im Bindegewebe. Nur wenn auch dort Risse entstehen, fühlt man sofort Schmerz. Anderenfalls müssen erst die beschädigten Strukturen in der Zelle abgebaut werden. Die Spaltprodukte können die Schmerznerven nach dem Austritt unmittelbar reizen oder mittelbar dadurch, dass sie Wasser in die Zelle ziehen. Das führt über Zellschwellungen zu Gefäßeinengungen. Damit verschlechtert sich die Durchblutung, was ebenfalls Schmerz verursacht. Muskelschmerz führt außerdem zu einer reflektorischen Verspannung (Muskelhärte), die die Durchblutung weiter vermindert und so in einem Teufelskreis den Schmerz verstärkt. All dies erklärt die zeitliche Verzögerung bis zum Auftreten des Muskelkaters.

Schlechte Koordination ist eine Mitursache!

Auch die Tatsache, dass Muskelkater nur bei ungewohnten Bewegungen auftritt, lässt sich gut erklären. In einer solchen Situation ist die intramuskuläre Koordination noch schlecht (die einzelnen Muskelfasern arbeiten noch nicht in optimaler Weise zusammen).

Unterstrichen wird die Bedeutung der Koordination durch die Tatsachen, dass vorübergehende Lähmungen durch muskelerschlaffende Mittel, wie zum Beispiel während Narkosen, häufig von Muskelkater gefolgt sind. Lähmungen dieser Art gehen jeweils unkoordinierte Muskelzuckungen voraus.
 

Was kann dagegen getan werden?

Aus dem Gesagten folgt klar, dass man zur Verhinderung des Muskelkaters hohe Kräfte vermeiden muss. Beim Erlernen neuer Bewegungen und bei Beginn einer sportlichen Aktivität sollte man die Belastung nur vorsichtig steigern. Es muss gesagt werden, dass es sich bei Muskelkater um keine gravierende Verletzung sondern nur um eine akute Reaktion auf eine moderate Überbelastung handelt.

Hat man erst einmal einen Muskelkater, so kann man den Heilungsprozess kaum beeinflussen. Lindernd wirken leichte Bewegungen (zum Beispiel gemächliches Radfahren bei Beschwerden im Oberschenkel, leichte Gymnastik) und Wärme (Sauna, Bäder). Auf Stretching/Dehnen sollte verzichtet werden. Massage setzt man bei frischen Verletzungen nicht ein, sie hat sich auch bei Muskelkater als wirkungslos erwiesen! Die ursächliche Bewegung sollte man in den ersten Tagen vermeiden und dann ganz vorsichtig wieder aufnehmen, um die jetzt besonders empfindlichen Faserstrukturen während der Heilung nicht erneut zu gefährden.

Weiterführende Fragen senden Sie bitte an piero.fontana@activfitness.ch.

Piero Fontana ist zusammen mit Marco Toigo Ausbildungsleiter für Kraft- und Ausdauertraining (interne Schulung und Qualitätskontrolle bei Activ Fitness). Nach 3 Jahren Biologiestudium an der Universität Zürich (naturwissenschaftliche Grundausbildung) wechselte er an die ETH Zürich um dort das Diplom als eidg. Dipl. Bewegungs- und Sportwissenschaftler zu erlangen. Dort spezialisierte er sich auf die Kerngebiete Physiologie, Trainingslehre (in Therapie und Leistungssport), Biomechanik und Ernährung.