Was ist dran am Core-Training?

Mythos Rumpfstabilisationstraining

Seit den späteren 1990er-Jahren taucht der Begriff des Rumpfstabilisationstrainings (engl. Core-Training) immer wieder auf, wenn es um die Vorbeugung und/oder Behandlung von Rückenbeschwerden geht. Bei diesem Training soll eine tiefliegende, «stabilisierende» Muskulatur gekräftigt werden, um so die passiven Strukturen, wie zum Beispiel die Wirbelsäule und die Bandscheiben, zu entlasten. Altbekanntes Wissen und wissenschaftliche Studien stellen dieses Rumpfstabilisationstraining jedoch infrage:

Funktionelle Anatomie der Rumpfmuskulatur
Vertreter des Rumpfstabilisationstrainings gehen davon aus, dass die Skelettmuskulatur aus zwei Kategorien besteht, die unabhängig voneinander funktionieren: a) tiefliegende, «stabilisierende» Muskeln und b) oberflächlich liegende Muskeln, die für Bewegungen verantwortlich sind. Im Widerspruch zu dieser Einteilung zeigt sich, dass bei der Stabilisierung des Rumpfes alle (nicht nur die tiefliegenden) Rumpfmuskeln mithelfen. Ebenso sind bei Bewegungen des Rumpfes alle Muskeln aktiv, die zur Funktionserfüllung beitragen können. Es ist daher nicht plausibel, dass einzelne Muskeln für die Rumpfstabilität wichtiger sein sollen als andere.

Zeitlich verzögerte Muskelaktivierung
Oftmals hört man, dass die Rumpfmuskeln bei Personen mit Rückenbeschwerden zeitlich verzögert aktiviert werden. In der Tat konnte dies wissenschaftlich nachgewiesen werden. Im Unterschied dazu konnte bislang noch nicht nachgewiesen werden, dass diese zeitliche Verzögerung mit den Rückenbeschwerden in Zusammenhang steht. Zudem ist bislang unklar, ob Rumpfstabilisationsübungen diese zeitliche Verzögerung aufheben können.

Kraftverlust
Es gibt keinen direkten Beweis, dass die «Kraft» der Rumpfmuskulatur einen ursächlichen Einfluss auf Rückenbeschwerden hat. Im Alltag werden zur Stabilisierung des Rumpfes beim Gehen und Stehen nur maximal fünf Prozent der Spitzenkraft der eingesetzten Rumpfmuskulatur benötigt. Sogar wenn wir im Stehen eine Last von über 30 kg tragen, sind dazu nicht mehr als fünf Prozent der Spitzenkraft der eingesetzten Muskulatur notwendig. Ein Kraftverlust der Rumpfmuskulatur als Erklärung für Rückenbeschwerden ist daher unwahrscheinlich.

Aktivierung einzelner Rumpfmuskeln
Bei Rumpfstabilisationsübungen sollen oftmals nur einzelne Muskeln angespannt werden. Es ist bis jetzt jedoch nicht erwiesen, dass Personen einzelne Rumpfmuskeln unabhängig von den anderen Muskeln des Rumpfes aktivieren können.

Spezifität der Trainingsanpassung
Die Anpassungen des Nervensystems ans Training sind in erster Linie bewegungsspezifisch. Falls Rumpfstabilisationsübungen im Liegen durchgeführt werden, kann man den Rumpf folglich auch im Liegen besser stabilisieren. Ob ein Transfer zur Rumpfstabilisation im Stehen und Sitzen gelingt, bleibt unklar. Oftmals stehen die Rumpfstabilisationsübungen nicht im selben Kontext wie die Bewegungen des Alltags. Ein Transfer der Anpassungen von den Übungen zum Alltag ist daher unwahrscheinlich.

Vielfältige körperliche Aktivität ist gefragt
Unter anderem führten diese fünf Punkte dazu, dass der wissenschaftliche Beweis für eine Linderung oder Vorbeugung von Rückenbeschwerden durch Rumpfstabilisationstraining bislang ausblieb. In denjenigen Studien, die den Effekt von Rumpfstabilisationstraining auf die Linderung von Rückenbeschwerden untersucht haben, zeigte sich, dass das Rumpfstabilisationstraining nicht effektiver (und auch nicht zeiteffizienter) war als andere Formen der körperlichen Aktivität. Um Rückenbeschwerden vorzubeugen oder um sie zu behandeln, steht demnach vielfältige körperliche Aktivität im Vordergrund. Beanspruchen Sie Ihren Bewegungsapparat möglichst vielfältig, d. h. mit vielen unterschiedlichen Bewegungen. Achten Sie dabei auf eine funktionell-anatomische vernünftige Körperhaltung. Dies verhindert Fehlbelastungen, welche für Beschwerden mitverantwortlich sein können. Dies gilt gleichwohl bei Alltagsaktivitäten als auch während des Trainings im Fitnessstudio.


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